Rheinisches Schützenmuseum Neuss mit Joseph-Lange-Schützenarchiv

 


Erzählcafé im Schützenmuseum

An jedem ersten Sonntag im Monat begrüßt zukünftig Peter Albrecht zu einer Erzähl- und Gesprächsrunde zu den Schützenfesten und zur Neusser Stadtgeschichte der Nachkriegszeit bis heute. Der Eintritt ist frei.





Sonderausstellung im Rheinischen Schützenmuseum Neuss Mit Petticoat und Holzgewehr. Schützenfeste zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunderzeit

Für die Neusser endete die Kriegszeit mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen am 2. März 1945. Die Befreier kamen in eine Stadt, in der die Kriegsschäden deutlich sichtbar waren: Bei 136 Luftangriffen war vor allem die Innenstadt stark beschädigt worden. Der Marktplatz, „die gute Stube der Schützen“, lag in Trümmern: Wo das Rathaus gestanden hatte, klaffte eine Lücke, das Quirinus Münster war schwer beschädigt und vom städtischen Museum standen nur noch einige Säulen.

 Die Menschen mussten sich mit Hunger und Kälte, einem neuen Regierungssystem und dem Wissen um die Verbrechen, die in den vergangenen Jahren geschehen waren, auseinander-setzen. In vielen Familien trauerte man um Angehörige oder bangte noch um die Rückkehr von Vermissten und Kriegsgefangenen. Das Leben war aus den Fugen geraten und das Überleben für viele ein Kampf. Aber man sehnte sich zurück nach den gewohnten Strukturen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und der nationalsozialistischen Herrschaft. Und dazu gehörte es auch, die gewohnten Feste wieder feiern zu können, vor allem das Schützenfest, das das Leben in Neuss bis heute in den Dreischritt „vör die Dag“, „op die Dag“ und „no die Dag“ gliedert. Im Rückblick berichtete der spätere Stadtdezernent Heinrich (genannt Harry) Arns, dass sich einige Mitglieder des alten Komitees bereits 1945 im engsten Kreise zu Besprechungen bei Josef Derstappen trafen. Aber noch war an ein Schützenfest nicht zu denken: Die Alliierten hatten zunächst jegliche Vereinstätigkeit und die Durchführung von öffentlichen Feiern verboten. Erst nach und nach erhielten die einzelnen Organisationen wieder die Erlaubnis, ihre Aktivitäten aufzunehmen. 

Bei den Schützen dauerte es mit der Wiederzulassung jedoch noch etwas länger: Denn diese hatten – nicht nur in Neuss, sondern in ganz Deutschland – ein besonderes Problem: Ihre Umzüge und Paraden, Uniformen und Ehrenzeichen und das Tragen von Waffen ließen sie wie militärische Organisationen erscheinen. Zudem war es schwierig, den britischen und amerikanischen Befehlshabern zu vermitteln, wofür diese Tradition eigentlich steht, da es in beiden Ländern kaum etwas Vergleichbares gibt. Aber die Neusser Schützen gaben nicht auf und eroberten sich nach und nach ihr Fest zurück: Sie betonten ihre religiösen Wurzeln und die jahrhundertealte Tradition, suchten sich Fürsprecher wie Josef Kardinal Frings und baten um persönliche Gespräche mit den Verantwortlichen. 1947 war es dann soweit: Nachdem die Scheibenschützen am 25. Juli bereits ihr Jakobusfest feiern durften, konnte auch der Neusser Bürger Schützen-Verein erstmals wieder durch die Stadt ziehen. Aber es gab viele Einschränkungen: Zugelassen waren nur die Chargierten als Abordnung des Regiments. Zusammen mit den Fahnenträgern, dem Komitee und dem Schützenkönig Robert Lonnes besuchten sie einen Gottesdienst im Quirinus-Münster und zogen dann über den Markt zum provisorischen Sitz der Stadtverwaltung an der Michaelstraße, wo Bürgermeister Josef Schmitz den Ehrentrunk der Stadt Neuss kredenzte. Dieser erste Auftritt der Schützen nach dem Zweiten Weltkrieg blieb als „Schattenkirmes“ und „Schweigemarsch“ in Erinnerung, denn etwas Entscheidendes fehlte: die Musik! Trotzdem säumten ein paar tausend Menschen die Zugstrecke und zeigten, dass sie „ihr“ Schützenfest nicht vergessen hatten.

1949 erschien erstmals ein Programmheft. 1951 ein weiteres. Seit 1959 gibt der NBSV diese belIn den nächsten Jahren ging es dann jedoch stetig voran. 1948 durfte zwar nur zwei Tage gefeiert werden, aber die Musikkapellen kehrten zurück ins Regiment, es gab wieder einen Fackelzug und es wurde nun auch der erste Schützenkönig nach dem Krieg ermittelt: Der Drogist Willy Klöcker schaffte es, den Vogel mit dem dritten Schuss herunterzuholen – mit der Armbrust, denn Gewehre blieben weiterhin verboten. Schützenkönig Robert Lonnes, der bereits seit 1938 regierte, konnte sein Amt endlich an einen Nachfolger weitergeben. Noch war vieles improvisiert: das Vogelschießen fand in den Anlagen des Restaurants Pfauenhof an der Hammer Landstraße statt und als Schützenhalle diente Krülls Autohalle an der Sternstraße. Doch ein Jahr später feierten die Schützen dann endlich wieder ein Fest in alter Tradition. iebten Hefte heraus.

Die fünfziger Jahre sind durch das sogenannte „Wirtschaftswunder“ gekennzeichnet; Illustrierte von  1953 „Das deutsche Wunder“.

Zwar hatte sich die Versorgungslage nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 deutlich verbessert, aber noch waren Wintermäntel wichtiger als Schützenuniformen und so konnten sich viele Züge nicht entsprechend für die Parade mit Frack oder Jägerrock ausstaffieren. Der dunkle Anzug für den Fackelzug war da schon einfacher zu beschaffen und so war in diesen Jahren tatsächlich das Regiment während des Fackelzugs größer als bei der Parade.

Aber in folgenden Jahren lösten sich diese Probleme allmählich auf, die Nachkriegszeit ging über in die „Wirtschaftswunderzeit“ und die Feierfreude der Menschen stieg stetig an. Der Neusser Bürger-Schützen-Verein und das jährliche Neusser Bürger-Schützenfest nahmen an Größe und Bedeutung immer weiter zu – eine Entwicklung, die bis heute anhält.